Spirituelle Vision

Wenn wir wollen, dass Rolfing wirklich Ganzheitlichkeit für sich in Anspruch nehmen darf, dann muss Rolfing auch in ein Gedankengebäude eingebettet sein, das einen möglichen Evolutionsweg des Menschen beinhaltet.

Ida Rolf wollte durch ihre Arbeit nicht nur die Leiden der Menschen mindern, sondern vor allem die menschliche Entwicklung vorantreiben, die sie in einer idealeren, aufrechten Form verkörpert sah.

 

Ohne Zweifel erlebe ich in meiner Rolfingpraxis, dass durch die Optimierung der Form eine breite Grundlage geschaffen wird, die das Leben im Körper erleichtert und angenehmer macht; doch um überhaupt den Inhalt berühren zu können, bedarf es eines Konzeptes vom Inhalt. Denn seit es Menschen gibt, gibt es Kriege und daran hat sich seit zigtausenden von Jahren nichts geändert.

Wie also soll der Mensch sein wahres Potenzial erkennen, geschweige denn entfalten können?

Welche Konzepte existieren, die eine mögliche Evolution des Menschen ins Auge fassen?

 

Zwei Bilder zur Veranschaulichung des menschlichen Potenzials


Zwei Bilder habe ich ausgewählt, um das aufzeigen zu helfen.

Das erste beschreibt die Stadien eines möglichen Entwicklungsweges. Dazu nehme ich das Kapitel "Von den drei Verwandlungen" aus Nietzsche's Werk "Also sprach Zarathustra".

Das zweite gibt die Komplexität des menschlichen Wesens wieder und soll durch das Bild vom Kutscher, den Pferden und der Kutsche veranschaulicht werden, das ich einmal in Ouspensky's Buch "Auf der Suche nach dem Wunderbaren" gelesen habe.

 

"Von den drei Verwandlungen"


Nach Nietzsche gibt es drei Verwandlungen des Geistes: "Wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der Löwe." 

Nietzsche beschreibt hier den Weg des Geistes aus der Vielheit zurück in die Einheit. Offensichtlich erkennt Nietzsche das Entwicklungspotenzial des Geistes, der sich klein und hier in der Welt zum Kamel gemacht hat, jedoch über den Löwen und das Kind sich zu seiner wahren Größe zurückverwandeln kann.

Der Geist aber, der sich entschlossen hat, in der Welt als ein Individuum mit Gleichgesinnten zusammen leben zu wollen, hat sich für den Zustand des Kamels entschieden.

 

Das Kamel

Kamele sind Lasttiere. Sie sind bereit, sich unterjochen zu lassen. Sie sind Ja-Sager und haben kein Vertrauen in sich selbst, da sie sich zum Empfänger von Befehlen gemacht haben. Daher brauchen sie Gesetze und heilige Schriften, die ihnen vorschreiben, was sie zu tun, und was sie zu lassen haben. 

Der große Drache, das Ego, ist ihr Gott und Gebieter. Von ihm werden alle Kamele beraten und mit ihm stehen sie in ständiger Kommunikation.

Solange der Geist glaubt ein Körper in Sinne eines Kameles zu sein, und sich von seinen Gebietern und der Welt sein Glück verspricht, wird es bereit sein große Opfer zu bringen, in der Hoffnung dadurch zu größerer persönlicher Freiheit zu gelangen.

 

Doch kann es nicht ausbleiben, dass Kamele sich schlussendlich in der Wüste wieder finden. Dort erleben sie, dass die Wüste, d.h. die Welt unfruchtbar ist, und dass alles, was bisher unternommen wurde, zur Enttäuschung und Vereinsamung geführt hat. 

Und gerade hier in der Wüste, wo nichts mehr wächst, hier stirbt auch ihr Gottesbild. Alle Vorschriften verlieren ihre Bedeutung, alle Werte ihren Sinn und jedweder Glaube seine Macht. Das "Ich-Will" des Löwen hebelt alle Ge- und Verbote des Großen Drachens mit dem Namen "Du-Sollst" aus.

Das ist der Tod des Großen Drachens. Jetzt ist der Geist für seine zweite Verwandlung bereit. 

Von der materiellen Ebene emporgehoben, wird das Kamel zum Löwen. Im Zustand des Löwen erfährt der Geist seine Unabhängigkeit und seine Freiheit als Geist.

 

Der Löwe

Dem Löwen kann man keine Lasten aufbürden. Der Löwe ist ein Raubtier. Seine Aufgabe ist es, alles zurückzufordern, was er in der Welt als Kamel geliebt hat und ihm einst lieb und teuer war. Als Heiligstes liebte er einst das Du-Sollst, aber auch von diesem Wahn muss er sich jetzt freimachen und seine gesamte Investition, die er in die Welt hatte, als nichtig und wertlos erkennen und Schritt für Schritt zurücknehmen.  Für diesen Raub, für diesen Wandel, für diese Investitionsverlagerung weg von der materiellen Welt zum Geiste hin, bedarf es des Löwen.

Der Löwe ist kein JA-Sager, der Löwe sagt:"Ich will" und entlarvt den Großen Drachen als den großen Lügner, der dem Geiste des Kamels seine Freiheit verweigern will.

Neue Werte kann auch der Löwe noch nicht schaffen. Doch die Freiheit sich zu nehmen für neues Schaffen, dazu bedarf es des Löwen.

Für neue Werte braucht es die dritte Verwandlung, die vom Löwen zum Kind.

 

Das Kind

Unschuld, Vergessen und ein Neubeginnen ist das Kind. Eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-Sagen. Viel gibt Nietzsche nicht über den Zustand des Kindes preis. 

Doch scheint die Hoffnung des Weltverlorenen jetzt ganz im Zustand des Kindes zu liegen. 

Wenn jegliches Urteilen wegfällt und keine Unterschiede mehr gesehen werden, wenn alle Schuld vergangen und Unschuld wieder eingetreten ist, dann kann der Geist wiedergeboren werden, und zwar als Kind. Als Kind, weil er jetzt ganz neu beginnen muss. In unserer jüdisch-christlich geprägten Welt ist der Wandel vom Löwen zum Kind die Wiedergeburt des Christus in uns; d.h. Wiehnachten.

Jeglicher Stolz muss jetzt vom Löwen weichen. Der Löwe hat der Welt den Rücken gekehrt und muss jetzt lernen, sich demutsvoll dem Kinde anzuvertrauen. Dann kann dieser Wandel die Reise des Geistes zu einem guten Ende führen, zurück zur Einheit, zurück zum Vater, zurück zu Gott, wo schon immer sein zuhause war.

 

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Das Bild vom Kutscher, den Pferden und der Kutsche


Das Bild vom Kutscher, den Pferden und der Kutsche wurde mir in Ouspensky’s Buch „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ 1979 zum ersten Mal zugetragen. 

 

In diesem Bild repräsentiert der Kutscher das Denken, die Pferde die Gefühle und die Kutsche den Körper. Kutscher und Gespann beziehen sich dabei auf die Persönlichkeit, die wir Mensch nennen. 

Aufgabe des Kutschers, des Denkenden ist es mit seinen Persönlichkeitsanteilen, mit Gefühlen und körperlichen Empfindungen umgehen und diese unter seine Führung bringen zu lernen. Mit anderen Worten: die Kutsche fahrtüchtig und die Pferde in Zaum zu halten und sich für die Ankunft des HERRN bereit zu machen. Denn dieser ist es, DER, sobald ER die Kutsche bestiegen hat, uns Menschen, d.h. dem Kutscher genaue Anweisungen zum Reiseziel geben wird. 

 

Das Bild hat mich damals sehr angesprochen und ich habe es als einen Prozess der Selbstübergabe verstanden, in dem ich mich jemandem anvertraue, der größer ist als ich es bin; gemäß den Worten von Paulus: „ Ich muss weniger werden und der ANDERE in mir, JESUS, muss wachsen.“


So sah ich in dem gängigen Konzept von Körper, Geist und Seele den Körper als den physischen Aspekt an, die Seele mit ihrem Denken, Fühlen und Wollen, als den psychischen Aspekt und den Geist als den Herrn, als unser Wahres Selbst, als den geistigen Aspekt an. Die Seele hat sich vom Himmel abgewandt und einem Körper in der Welt zugewandt, in dem sie zwangsläufig nicht zu Hause ist und folglich leiden muss.

Ziel hierbei ist es, dass die Seele wieder die Identifikation mit dem Körper und der Welt zurücknimmt und sich dem Geist zuwendet und mit ihm die Wiedervereinigung von Seele und Geist sucht, die alchymische Hochzeit, damit wir wieder als "verlorenener Sohn" mit GOTT, unserem VATER, rückverbunden (religio) werden können.

 

 

Im Laufe der Jahre jedoch hat sich mein Religionskonzept und das, was unter dem Begriff Mensch, d.h. Persönlichkeit, verstanden werden kann, drastisch verändert.

 

Um diese Sichtweise in dem Bild vom Kutscher, der Kutsche und den Pferden unterbringen zu wollen, muss dieses Bild folgendermaßen verändert werden. 

Nach wie vor würde in diesem Bild der Kutscher unser Ich, und die Kutsche und die Pferde unseren Körper und unsere Gefühle, also uns Menschen hier auf der Welt repräsentieren. Doch wären wir jetzt als denkende, fühlende und wollende Persönlichkeit kein selbstdenkendes, selbstfühlendes und selbstwollendes Ich mehr, sondern wären als Kutscher nur das ausführende Organ von unserem wahren Selbst im Geist.

Mit anderen Worten: der HERR, auf den wir warten, ist schon in der Kutsche, wir warten letztendlich auf unser WAHRES SELBST, der wir als SOHN GOTTES in Wahrheit sind.

Der Fahrgastraum der Kutsche repräsentiert somit das Reich des Geistes, im englischen „mind“, aus dem alles seinen Ursprung nimmt. Der Geist ist folglich nicht im gehirngebundenen Denken anzusiedeln, sondern herrscht jenseits von Raum und Zeit.

 
Im Fahrgastraum, in unserem Geist, befinden sich nämlich vom Anbeginn der Zeiten an drei Instanzen:

  • zum einen das Ego, der trennende Geist, der uns als GOTTES SOHN vom VATER absondern will, und 
  • zum zweiten, der vereinendeder Heilige Geist, der uns zum VATER zurückführen will,  und 
  • zum dritten wir selbst als die Entscheidungsinstanz, die zwischen Ego und dem Heiligen Geist wählt.

 

So kommt in jedem Menschen auf dieser Erde nur das als Denken, Fühlen oder Wollen zum Ausdruck, wofür er sich in seinem Geiste entschieden hat, d.h. welchen „Herrn“ er dort zu seinem persönlichen Berater gewählt hat. 

In diesem Sinne sind alle Figuren auf der Welt gleichsam Marionetten, die nur das wieder geben können, was ihnen ihr Marionettenspieler, d.h. wir durch unsere im Geist getroffene Wahl –Ego oder Heiliger Geist- zuspielen.

 

Wählen wir das Ego als unseren Führer, dann glauben wir, dass wir Körper sind. Wir halten uns für unterschiedlich, sind sicher gerechte Urteile fällen zu können und glauben, so wie es in der Bibel in Genesis 3 beschrieben wird, an Sünde, Schuld und Strafe und natürlich an den Tod.

Wählen wir dagegen ein Symbol als unseren Lehrer, das alle Menschen als gleich ansieht und liebevoll auf alle und alles zu schauen vermag in dem sicheren Wissen, dass wir alle eins im Geiste sind, entscheiden wir uns also für Jesus, für Buddha oder den Heiligen Geist oder die Liebe als Repräsentanten unseren Wahren Selbstes, dann üben wir uns im Enthalten des Urteilens, üben uns darin, nur das sehen zu wollen, was uns verbindet und uns allen gemeinsam ist und glauben an das Leben, das nur in GOTT als unserem SCHÖPFER zu finden ist.

Dann sind wir zwar immer noch in der Welt, aber immer weniger von der Welt.

 

 

Solch eine Sichtweise wird für die meisten Menschen nicht akzeptabel sein, da sie uns Menschen zunächst einmal als absolut fremdbestimmt und keineswegs als selbstbestimmt ansieht, und unsere Existenz als Individuum hier auf der Welt in Frage stellt.
Die wirkliche Selbstbestimmtheit jedoch, die Wahlfreiheit und Gleichheit aller in unserem Geiste, müsste dann erst noch erkannt werden.

 

Mit anderen Worten: die Heldenreise ins Land der Freiheit, die zunächst einmal in die Schattenwelt, in die Dunkelheit unseres Unbewussten führt, müsste erst noch angetreten werden.

Und ferner müsste die Erfahrung, dass alle unsere Reaktionen uns selbst und nicht anderen oder unserer Umwelt zuzuschreiben sind, erst noch gemacht werden. 

 

So mag allen Kutscher-Ichs, die glauben, ihr Leben im Griff zu haben oder unter Kontrolle haben zu können, diese Ansicht fatal erscheinen. Doch mögen alle, die sich im Leben weniger „erfolgreich“ erleben, dies als sehr entlastend ansehen und ein Selbstverständnis ungeahnten Ausmaßes eröffnen.

 
Denn solange wir glauben, ein eigenständig denkendes Wesen zu sein, sehen wir uns als Kutscher-Ich und verstricken uns in eine Lüge über uns selbst und in eine nicht enden wollende Anstrengung, dieses falsche Bildnis von uns selbst wahr und glaubwürdig machen und von anderen und der Welt bestätigt haben zu wollen.

Welch eine unsagbare Anstrengung, die niemals belohnt werden kann, und uns Menschen letztendlich immer nur in Depression, Ohnmacht oder Todesangst zurücklassen muss, ganz zu schweigen von den Schmerzen und chronischen Beschwerden, die es hervorbringen muss, bevor allmählich die Erinnerung leise in uns dämmern mag, dass es da doch noch einen anderen Weg als diesen leidvollen geben muss.

 

Erst wenn erkannt wird, wo wir hingehören, erst wenn wir geborgen sind im HEILIGEN GEIST und in Frieden auf die Welt und auf uns selbst, als Menschen in der Welt schauen können

 

  • kann Erleichterung auf allen Ebenen eintreten,
  • sind Körper und Psyche befreit, und
  • kann die Persönlichkeit entspannen und ungezwungen und frei ihre Rollen hier auf der Welt zu einem guten Ende führen.

 

Rolfing® Praxis Siegfried Libich


Praxis für

Stressmanagement &

Störungsfreie Kommunikation


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